Wissenschaft und Spiritualität.
Geht gar nicht?

 

Wissenschaft und Spiritualität. Geht gar nicht. Oder: Wie spirituell darf Wissenschaft sein und wie wissenschaftlich darf Spiritualität sein?

Gerade in Umbruchzeiten werden Wissenschaft und Spiritualität als Antagonisten gesehen. Es gibt Stimmen, die meinen, spirituelle Menschen sind per wissenschaftsfeindlich. Zahlreiche aktuelle Studien belegen dies eindrücklich. Warum dies so ist, lässt sich noch nicht stichhaltig begründen. Doch eines ist auch klar: Es gibt keine zwingende Verbindung zwischen Wissenschaftsfeindlichkeit und Spiritualität. Wer dies behauptet, hat sich noch nie in der academic community umgehört. Er hat auch nie Isaac Newton, Albert Einstein, Werner Heisenberg, Nils Bohr, Stephen Hawking oder Roger Penrose gelesen. Sie haben nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie sich bei finalen Erklärungen auf eine höhere Macht beriefen. Doch sollen diese illustren Namen nicht dafür herhalten müssen, dass es, wenn man will, sehrwohl eine Vereinbarkeit von Wissenschaft und Spiritualität gibt. 

Ich arbeite seit 1989 in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und Funktionen. Parallel dazu sah ich mich als spiritueller Mensch auf seinem persönlichen Weg in dieser Zeit. Wie ging das? Mit Bewusstsein, mit Mut und Vertrauen, zu wissen, wann ich was wo und in welcher Dosierung anwende. Von einem Widerspruch merkte ich dabei nie etwas. Es war das sogenannte Außen, die Kolleg*innenschaft, die für die reine Lehre kämpfte und oft keine Ahnung hatte, was sie damit anrichtete. Dafür braucht man naturgemäß keinen spirituellen Zugang, sondern eine persönliche Ethik und ein Wertebewusstsein. Ob eine spirituelle Lebenshaltung dabei helfen kann? Ja. Es kann jedoch auch ein innerer moralischer Kompass und ein philosophisches Grundwissen ebenso hilfreich sein. Nichts ist exklusiv zu lesen. 

 

Wissenschaft - das bekannte unbekannte Wesen?

Ich beginne meine Gedanken mit einer Schlüsselfrage, die sich Wissenschafter*innen heute sehr oft nicht mehr stellen. Es ist die wichtige Frage nach dem eigenen Selbstverständnis. Wer legt fest, was wissenschaftlich ist? Wer gibt Kriterien für das jeweilige Fach vor? Wer ist die sogenannte academic community und vor allem WARUM?

  • Oft wurden und werden diese Fragen als lästige Petitesse abgetan.

Ach – das weiß doch jeder! Wenn dem so ist, warum dann diese Aufgeregtheit bei den Fragen? Ich habe oft festgestellt, dass man sogen. tacit agreements (also stillschweigend als solche angenommen) zu Grundbegriffen in der jeweiligen Community hat. Das gilt übrigens auch für die spirituelle Community, die sich so gerne von den Esoterikern abgrenzt. Warum wohl? Bedeutet doch esoterikos im Griechischen nach innen gerichtet. Also genau das, worauf die Spirituellen derart abfahren. Abgrenzen, ausgrenzen - oder doch offen und transparent sein? Open source ist mehr als nur ein Schlagwort. Außer man läuft um den nächsten großen Forschungsauftrag. Außer es geht um Menschenleben. Dann wird geteilt. Bis die Pandemie vorbei ist und es in ein anderes Normal übergeht?

  • Meine Verständnis von Wissenschaft hat viel mit Neugierde, mit Neuem, mit Anderem, mit Kreativität, mit sauber angewendeten, gelegentlich auch neu erfundenen Methoden und Instrumenten zu tun. Wissenschaft ist ein dynamischer, kreativer Prozess und kein unveränderbarer Zustand, der sich an akquirierten Budgets, Publikationen, Zitationen und Preisen bemisst. Dieser Prozess ist transparent, doch nie in Stein gemeißelt. Ergebnisse sind immer vorläufig, immer lebendig, im in Entwicklung begriffen. 

Sie lesen - Budgets sind dabei nicht erwähnt. Auch der Wettbewerb bleibt unerwähnt. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich nie an klassische Fachgrenzen hielt, dass ich nie einordenbar sein wollte und mich keiner Denkschule verschrieb. Die Unabhängigkeit in meinen Gedanken und Ausführungen, die Freiheit von geistigen Verpflichtungen und die Grenzenlosigkeit im Ersinnen von bislang Unbekannten, die trieb und treibt mich immer noch an. Mir geht es nicht um die reine Lehre. Mir geht es darum, Fragen zu stellen, die ansonsten kaum jemand stellt. Die Antworten darauf sind sowieso immer nur vorläufig. Das zu erkennen, zeigt, dass man immer dranbleiben muss. Das kann durchaus anstrengend sein. Doch ist die Vorläufigkeit ein Wesenszug meines Verständnisses von Wissenschaft, nicht nur weil ich eine bekennende Popperianerin bin. 

 

Was ist für mich Spiritualität heute?

So wie Wissenschaft eine Reihe an Bedeutungsgebungen je nach Fachgebiet zulässt, ist Spiritualität auch ein Bereich, der vielfältige Möglichkeiten zulässt, wie man ihn betrachten und definieren kann.

  • Für mich war und ist Spiritualität eng mit Bewusstsein, mit Bewusstheit und Gewahrsein in meinem Lebensalltag verbunden. Es ist für mich mittlerweile etwas völlig Natürliches in meinem Sosein, wenngleich ich es mir erarbeiten musste. Es wurde mir nicht in die persönliche Wiege gelegt. Doch mein Leben machte mich der Spiritualität gewogen und zugeneigt. 

Ich lebe spirituelles Wissen, das sich laufend weiterentwickelt, seit gut 30 Jahren. Doch ich bin auch sehr pragmatisch und umsetzungsorientiert. Es nützt nichts, in den Wolken unterwegs zu sein und nichts im Alltag zu Wege zu bringen. Die große Kunst ist, BEIDES im Ausgleich zu leben und zu wissen, was wann wo und in welcher Dosierung angezeigt ist.

Nichts ist für mich natürlicher als Spiritualität im Sinne eines ausgeprägten Bewusstsein, einer gelebten Bewusstheit und eines geübten Gewahrseins. Gleichwohl verleugne ich meinen Zug zur Wissenschaft nicht. Warum auch?!

 

Ein persönlicher Hinweis zu Wissenschaft und Spiritualität

Ich bekenne mich auch dazu, dass Wissenschaft und Spiritualität in meinem Verständnis und Leben gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Ich weiß jedoch klar, wann ich auf welche Seite zugreife und wofür ich sie verwende.

Für viele gelten Wissenschaft und Spiritualität als inkommensurabel, also als unverbindbar. Dabei müsste man bloß einen tieferen Blick in die Wissenschaftsgeschichte machen. Man findet dort unzählige völlig selbstverständliche Verbindungen zwischen Wissenschaft und Spiritualität. ->Man muss sie nur finden und lesen und durchdringen wollen. Ein natürlich Abwehrreflex ist dabei nicht hilfreich.

  • Man muss einander in einer offenen Weise begegnen und verstehen wollen. Dann sieht man die tatsächlichen Unvereinbarkeiten und die Scheinunvereinbarkeiten. Oft tun sich interessante Felder dabei auf.  Übrigens habe ich bis dato nie ein Forschungsthema bzw. ein Thema, zu dem ich schreibe, gesucht. Sie haben mich bislang alle gefunden, weil ich wach und achtsam durch mein Leben gehe.

Das neue Gemeinsam. Ein spirituell geprägtes Prinzip in der Wissenschaft?

Wir schreiben und sprechen in der spirituellen Community viel vom Wassermann-Zeitalter und verbinden es mit den Prinzipien der Französischen Revolution und mit dem Entstehen neuer Gemeinschaften. Nicht aus der Not heraus, sondern weil wir es so wollen und den Nutzen für alle erkennen, weil wir in der Lage sind, Wissen zu teilen.  Das mag idealistisch klingen, doch wenn es sinnbefreit ist, auf Wissen zu sitzen und es nicht breit und verantwortungsvoll zu nutzen, dann ist es wie gehortetes Geld ... nutz-los!

  • In klar abgezirkelten Compartments zu forschen, nach dem sog. Stovepipe-Prinzip (d.h. es stehen eine Reihe von Schornsteinen nebeneinander, die bitte um Gottes willen nichts miteinander zu tun haben dürfen) zu arbeiten und sein Süppchen zu kochen, hat nichts mit zukunftsgerichteter Wissenschaft und Forschung zu tun.

Nebenbei – es ist auch total unspirituell in einer Phase, die uns in ein neues Gemeinsam und eine neue Einheit hinführt. Es hat nichts mit Wissenschaft und Spiritualität, wie wir sie brauchen, um den Umbruch zu meistern, zu tun. 

Evidenzbasierung, also das Gründen von Thesen auf nachvollziehbaren und belegbaren Fakten, ist zum beherrschenden Begriff der Pandemie seit 202 geworden. Das gilt für Wissenschaft und Spiritualität gleichermaßen. Wir müssen uns alle messen lassen. Doch welches sind die Messmethoden und warum? Eine sehr heikle Frage!

Corona hat der Evidenzbasierung einen Hoch-Zeit beschert. Es gab noch nie so viele unterschiedlichen Evidenzen wie seit 2020. Wenn alles Evidenz ist, ist nichts Evidenz – ein Gedanke, angelehnt an Paul Riceur, den großen französischen Philosophen.

Es gab höchst unterschiedlichen Meinungen, die auf Evidenzen aller Art gründeten. Vor allem wie man mit einer Pandemie umgehen kann, muss und soll. Viele dieser Evidenzen waren auf vergangenem Wissen gegründet, das aus vergangenen Erfahrungen rekrutiert wurde.

  • Doch war dieses Wissen samt den Schlussfolgerungen zeitgemäß?

Eine aus meiner Sicht brennend wichtige Frage, die man sich als Wissenschafter*innen immer stellen muss. Natürlich ist es einfach, im Nachhinein gescheit zu schreiben und vermeintlich alles besser zu wissen. Doch ich meine, dass man sich als Wissenschafter*innen immer fragen muss, worauf man seine Thesen und Behauptungen und letztlich seine Empfehlungen gründet. Es handelt sich also mitnichten um eine quantité néglegable.

 

Wissenschaft und Spiritualität samt Echtzeiterfahrungen

Mittlerweile leben wir in einem Echtzeitverfahren mit einem rasanten Zeittempo. Oft hat man den Eindruck, die Zeit fliegt. Durch das Internet mit all seinen Möglichkeiten hat auch der Raum eine neue Konnotation erfahren. Es geschieht. Leben wir in einer raumlosen und zeitlosen RaumZeit? Diese philosophisch anmutende, akademisch klingende Frage ist weit davon entfernt, in der Wolkenschieberei verortet zu werden. Sie ist real. Sie betrifft uns alle gleichermaßen. Wie bewältigen wir diese Kollektiverfahrung?

Könnte hier ein gemeinsamer Zugang von Wissenschaft und Spiritualität helfen? Wir können uns weiter fragen: was bedeutet es für uns im konkreten Fall, wenn es keinen verbindlichen, nachvollziehbaren gemeinsamen Nenner gibt?

Denken Sie gerne darüber nach. Wächst Ihre innere Unsicherheitslücke oder können Sie es aushalten? Hier könnte Ihnen – vielleicht – ein bisschen Spiritualität im Sinne eines grundlegenden Vertrauen und eines Verständnisses für höhere Zusammenhänge helfen. Vielleicht. 

 

Weiterführende Links

https://spirit-online.de/wissenschaft-und-spiritualitaet-go-oder-no-go.html

https://spirit-online.de/gottesfrequenz-mehr-als-nur-zahlenmystik.html 

Eine aktuelle Studie finden Sie z.B. unter 
https://viecer.univie.ac.at/corona-blog/corona-blog-beitraege/blog138/

Ferner:

https://www.forschung-und-lehre.de/forschung/spiritualitaet-foerdert-wissenschafts-skepsis-3691/

https://science.orf.at/stories/3207545

https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/19485506211001329