Auf unser Wiedersehen, Papa

 

Selbst mit dem eigenen Ende mehrfach konfrontiert – so als Begleitung meines Daseins von Kindesbeinen an, habe ich zum Tod ein gutes Verhältnis.

Ich habe ihn in mein Dasein integriert.

Es ist die innere Gewissheit, dass es jederzeit zu Ende sein kann.

Es ist das tiefe Wissen, im Jetzt zu sein.

Andere Menschen auf ihrem Übergang zu begleiten, wäre mir nie in den Sinn gekommen.

Als ich die Gelegenheit vom Leben offeriert bekam, meinen eigenen Vater über Wochen und Monate in seinem Übergang zu begleiten, konnte ich mich dem nicht entziehen.

Ich wollte es auch nicht. Zu nahe stand mir mein Vater. Zu viel hatte er mir für mein Leben mitgegeben.

Die Wochen der Vorbereitung waren mir unendlich hilfreich.

Der Frieden in meiner klein gewordenen Familie war das Fundament, um eine echte, tiefe Begleitung zu ermöglichen.

Die drei eigentlichen Tage des Abschieds waren gefügt. Alle, die ihm wichtig waren, waren um ihn. Die Stimmung war ernst, heiter, gelassen, wissend – es geht dem physischen Ende zu. Da und dort noch Informationen einholen. Da und dort noch Unterstützung für sich selbst einholen, um zu wissen, was wann wo wie geschehen kann.

Ich ließ ihn bewusst gehen.

Er hatte mir alles, was ich für mich und meinen Weg brauchte, in Liebe gegeben – oft wusste er es gar nicht.

Diese bewusste, innere und äußere Verabschiedung machte dem Gehenden das Gehen oft sehr viel leicht.

Es ist kein hüllenloses Ritual.

Es ist ein bewusstes, dankbares, liebevolles Gehen lassen.

Keine Beschau.

Keine Beurteilung.

Keine Bewertung.

Keine Ausreden.

Es ist ein bewusstes, dankbares, liebevolles Gehen lassen.

Ein Abschied im Wissen des Wiedersehens.

Anders – doch es gibt dieses Wiedersehen.

Und es geschah.

Ein Übergang wie im Lehrbuch.

Schmerzfrei. Ruhend. Gelassen. Erfüllt.

Die letzten drei Atemzüge.

Das war es.

Diese Erleichterung, dass er den Übergang gemeistert hatte – in einem tiefen Frieden, in der inneren Gewissheit, uns alles gegeben zu haben und erfüllt zu sein.

Danach – keine Geschäftigkeiten, sondern einfach nur Dasein.

Wahrnehmen.

Beobachten.

Spüren.

Fühlen.

Nichts in nicht Daseiendes hineingeheimsen.

Einfach nur diesen Moment danach begleiten.

Atmen.

Dasein.

Still sein.

Das Privileg, den Tod des Vaters zu fahren, zu er-leben, zu begleiten.

Spektakulär. Gewaltig. Beeindruckend.

Traurig? Nein.

Angefasst. Berührt in der Tiefe meines Seins. Gerührt von diesem existentiellen Momenten.

Das wahre Leben endet durch den physischen Tod nicht.

Das wahre Leben beginnt dadurch.

Immer weiter und weiter und weiter.

 

Auf unser Wiedersehen, Papa. 

01.11.2022