Abschied von Lebenslügen

Nie war die Zeit besser geeignet, um von Lebenslügen Abschied zu nehmen.

Vom müssen müssen. Vom Verstecken. Vom Selbstbetrug. Von der Selbsttäuschung. Vor der Selbstkastration.

Alles nur, um bürgerlichen Idealen, liberalen Ansprüchen und unspezifizierten und unspezifizierbaren Wünschen zu entsprechen.

Die Selbstversklavung ist ein interessantes Massenprojekt.

Eingezwängt in Normenkosette, die unhinterfragt gelebt und weitergegeben werden.

Frei Haus und kostenfrei. Einfach so.

Wer anders als die Norm ist, wir abgesäbelt, ausgegrenzt, verleumdet, betrogen und totgeschwiegen. Wenn es hart hergeht, wird der und die Normenbefreite vertrieben. Auch das gibt es. Öfter als man es im Außen sieht. Häufiger als man es im Alltagsstrudel meinen mag.

Die Zeit der Offenlegung, in der wir nun – noch für einige Jahre – leben und leben werden, in der das Kollektiv seine besondere Erfahrung mit Zeit macht und machen wird, diese Zeit der Offenlegung ist grandios für jene, die wissen wollen, worum es dabei geht und die den Schwung auch nutzen wollen und nutzen können.

Nie war es leichter, sich dem Selbstbetrug zu stellen.

Nie war es klarer, die Lebenslügen von Mann, Frau, Ehe, Zwangspartnerschaft, Brauch- und Gebrauchgesellschaft mit beschränkter Haftung, unbedingt Kinder haben, ein Haus zu besitzen, fit zu sein, sich selbst gnadenlos zu optimieren – und gleichzeitig auszubeuten, im Wettbewerb ertrinken und nie gut genug zu sein, von höher, schneller, weiter, von noch außergewöhnlicher, von noch mehr … ZU ERKENNEN.

Mann, tut das weh!

Mann, ist das krass!

Mann, das ist ja xxxx!

Kein noch so schickes Schimpfwort umschreibt dieses Zerplatzen von Lebenslügen so gut wie das Zerplatzen selbst.

Die Seifenblase mag ein zutreffendes Bild sein. Still bewundert. Kreischend bewundert – und dann ist sie weg, die schillernde Seifenblase.

Die Frau, der Mann, der tolle Job – manche werden per Email gekündigt, geht ganz fix – die Gesundheit – vor allem wenn man sie jahrelang für selbstverständlich nahm – die Kinder, die Mutter, der Vater, die Geschwister, die Freunde, die Bekannten, die teure Scheidung, das Alleinsein … oft wird einem das alles erstmals so richtig bewusst in diesem Leben.

Was bleibt übrig?

Man selbst – raw and uncovered – pure naked being.

Die eigenen Abgründe.

Die eigenen Tiefen.

Das eigene Sein.

Die Auseinandersetzung mit sich selbst.

Die Konfrontation mit sich selbst.

Unverfälscht.

Klar.

Rein.

So ist das – mit dem Abschied von Lebenslügen.

Könnte allerdings auch der erste Schritt in einen ehrlichen, sehr persönlichen Neubeginn sein.

In die eigene Souveränität.

In eine bislang nie gekannte und geschmeckte Freiheit.

In eine Eigenverantwortung, die berauschend ist - wenn man sie lässt.

In einen tiefen Seelenfrieden, der vieles im Außen unnötig erscheinen lässt.

In ein sich Selbst, das immer für Überraschungen gut ist. 

Der Weg ist es wert.