WAS ICH IHNEN SCHREIBEN WILL ... Reisen auf den Berg

Ich mache mich auf, auf den Weg hinauf zum Berg und dann auf den Berg. Ein Reisejournal, ein kleines, rotes Buch, begleitet mich auf diesem Weg. Persönlich sind die Einträge, schräg, manches Mal ausformuliert, die Stimmungen und ihre Schwankungen wiedergebend, das Ego beschreibend und die unverstellte innere Nacktheit zeigend.

Ich beginne mit meinen Einträgen, ein paar Gedanken hinzuwerfend, einiges geschliffener formulierend, so wie es gerade kommt und somit auch passt. Ich schreibe ja keinen Reiseroman, sondern ein Reisejournal der anderen Art. Und so spiegelt sich die andere Art auch in meinen Gedanken und Ausführungen, inspiriert von Bergsteigergrößen aller Art, wider.

Die erste Grundsatzfrage lautet: Was ist der Berg für mich? Was wohl …? Für mich ist der Berg nicht unbedingt etwas Reales. Ja, natürlich, das kann er auch sein. Für mich ist der Berg eine Metapher für den Aufstieg und das Auf und Ab im Leben, für das Erreichen eines Zieles. Anstrengung und Selbstüberwindung sind einige von vielen Reisezielen.

Die Reise auf den Berg ist dann das konkrete sich Hinauf- und auch wieder Hinunterbewegen. Heraus aus den Gedankenexperimenten und hinein in die Umsetzung gehen. Heraus aus der Imagination und dem Kopf; hinein in die Bewegung des Körpers in der Schwingung des Geistes und der Notwendigkeit des Geländes. Auch das kann real und letztlich doch wieder im Innen stattfinden.

Der Berg ist nie Alltag, ist nie Normalität. Der Berg ist immer eine Form eines Ausnahmezustandes. Dieser Ausnahmezustand macht im Herz und im Kopf klar und eröffnet gleichzeitig neue Horizonte. Ich frage mich immer wieder, warum ich auf einen Berg gehe, insbesondere auf intellektuelle und künstlerische Berge. Was will ich mir beweisen? Welches Ziel will erreichen? Habe ich überhaupt ein Ziel oder aber suche ich mich auf jedem Berg selbst, in in jedem Felsen, in jeder Hütte, in jeder Seilschaft und in jedem noch so schmalen Weg?

Der Berg und seine Bereisung hängen für mich oft mit einem Sich-selbst-etwas-beweisen-Wollen
zusammen, mit dem Nach-vorne- und dem gleichzeitigen Nach-oben-Gehen. Der Berg verlangt
Courage, Erfahrung, Wissen und Weisheit. Ich muss fokussiert sein, einen klaren Willen haben, bereit sein für ein Grenzüberschreitungsprogramm, für eine Begegnung mit meinen Albträumen und Wunschfantasien.

Die Literatur bietet bewährte Motive wie der Aufstieg als Bild der Lebensreise, der Gipfel als der Ort der Erkenntnis oder gar Erleuchtung. Ab da verschmelzen die Zeitebenen, es herrschen allein die Präsenz des Berges, des Bergsteigers und sein
gefährlich erweitertes Bewusstsein. Eine erregende und zugleich beängstigende Melange. Der Berg und vor allem der Gipfel werden zu einem neuen
emphatischen Zuhause als Gegenwelt. Der Berg wird ein Versuchsgelände der Selbstbehauptung, oft auch des Überlebenstriebs. Damit kommt man der Selbstführung schon sehr nahe. Da sind auch so manche Berge zu erklimmen. Da gibt es Geländehindernisse, Wetterstürze und den Zwang, sich in inneren Kavernen aufzuhalten. Und es gibt atemberaubende Momente und unvergleichliche Ausblicke.

Hier wird es dann fast mystisch-philosophisch. Gehen muss man dennoch. Und geistiges Gehen ist mindestens ebenso anstrengend wie körperliches Gehen.

Gleichwohl, der Berg und die Reise auf den Berg sind mit der Natur und ihrer Dynamik untrennbar verbunden. Alleine dass bestimmte Besteigungen während ebenso bestimmter Zeitfenster machbar sind, zeigt die Gebundenheit an die Natur und letztlich die Ausgesetztheit. Und das betrifft auch die innere Reise. Sie braucht ebenfalls eine spezielle Natur bzw. findet in einer speziellen Natur statt. Nur wird das oft vergessen, ins Unbewusste verdrängt oder man kennt sie gar nicht.

Es gibt für mich den inhärenten Zwang, die Natur zum Begleiter zu machen, mit dem Rhythmus der Natur zu leben. Mit den Elementen vertraut zu sein und mit der Natur eins zu sein, helfen mir beim Auf- und beim Abstieg, der oft vergessen wird, weil er scheinbar leichter geht, es sich leichter geht – nur scheinbar. Dies setzt die Schärfung der Sinne
voraus, um das Ziel zu erreichen. Es setzt voraus, sich Kraft und Energie einzuteilen und den Blick fürs Wesentliche zu haben und die Umfeldbedingungen zu kennen. Dieses Gefühl und dieses Wissen sind auch für eine gelungene Selbstführung und Führung wesentlich.

Genug nun der philosophischen Grundbetrachtungen. Wie kann ich meine Bergbesteigung umsetzen? Was habe ich als Erstes zu tun?

Eintragende.

 

aus: Andrea Riemer. Reisen. Unterwegs mit anderen zu sich selbst. Holzhausen der Verlag, Wien 2015.

Copyright Text und Bild - Andrea Riemer