WAS ICH IHNEN SCHREIBEN WILL ... Zur Erntezeit

In der Herbstreise zeigt sich, ob das, was im Frühjahr gesät wurde und über den Sommer gepflegt wurde, nun tatsächlich zu ernten ist. Es ist eine Zeit des sich unverhüllten, vollkommenen Zeigens, eine Zeit des Kostens, des Schmeckens, des Riechens und des Fühlens mit allen Sinnen. Der Herbst ist die Stunde der Wahrheit, wenngleich sich die Stunde über mehrere Monate zieht.

Es gibt keine Reisephase, die verschwenderischer mit Farben umgeht wie jene des Herbsts. Nichts kann und muss versteckt werden, alles darf sich zeigen.

Raum und Zeit des Einbringens, des Dankens, des Das-Leben-und-seiner-Ergebnisse-als-Geschenk-Em-pfindens. Das gilt für diese Reiseetappe.
Niemand muss sich mehr etwas beweisen, her-zeigen, brillieren – nein. Einfaches, unbestechliches Sein ist gefragt. Jetzt ist die Zeit des Annehmens, des Sichöffnens, des Genießens, eine Zeit des Durchatmens. Nach den letzten Sommergewittern, der Ernte und des Dankens beginnt die Zeit des
Abschiednehmens und der Vorbereitung der Ruhe.

 

Erste Nebel zeigen, dass wieder etwas umbricht. Die Zeit des Lichts ist vorbei. Rasch wird aus dem
satten, wenngleich flachen Licht ein silbriges Licht, das kaum mehr wärmt. Es muss auch nicht mehr wärmen. Wenn alles an Ernte eingebracht ist, ist das Licht nicht mehr in einem großen Umfang erforderlich. Die Tage werden kürzer, die Möglichkeiten werden geringer, es wird kühler. Es ist die Zeit des leisen Abschieds, des Erkennens der eigenen und der anderen Endlichkeit. Das Laub beginnt zu fallen, die Bäume werden kahler. Es zeigt sich, was verwendet werden kann und was wiederum zu gehen hat, weil es nur eine Belastung wäre. Herbststürme reinigen das Letzte, das keine Überlebenschance hat. So ist die Herbstreise auch eine Etappe nach der Frage, was tatsächlich wichtig ist und was still gehen darf. Es ist eine Etappe, die den Fragen „Was nimmt man mit ins nächste Jahr, in den nächsten Zyklus? Was verbrennt man und wandelt es damit in neue Möglichkeiten?“ nachgeht. Gleichzeitig ist diese Etappe schon wieder die Vorbereitung für die nächste Frühjahrsreise.

 

aus: Andrea Riemer. Reisen. Unterwegs mit anderen zu sich selbst, Holzhausen der Verlag, Wien 2015.

Copyright Text und Bild - Andrea Riemer