GEDANKEN KREUZ&QUER ...50plus1. Kurzgeschichten: Von Clubs

Das sitzen sie, die Herrn der Schöpfung – die Damen als Zierde dabei. Gewichtig blicken sie drein, schieben ein Papier nach dem anderen über den Tisch, nicken – scheinbar wissend.

Sie scannen ihr Gegenüber, das leicht und luftig da sitzt. Sie lacht innerlich, ist belustigt, kennt die Scheinwichtigkeit und die Schauspielerei. Gemächlich schlägt sie ihre langen Beine übereinander, fährt sich durch das kurze Haar. Was soll sie erzählen, von sich, von ihrem Leben – diesen Bürokraten, die sehen und hören wollen, ob sie dazu passt. Wo hat sie je dazu gepasst? …

Sie will sich einbringen, anderen etwas sein – und auch einmal etwas geben. Das kommt den Herrn nicht geheuer vor – und Damen heben erstaunt und bemüht ihre frisch gezupften und gefärbten Augenbraunen (Stirne runzeln geht wegen Botox nicht). Dabei blicken sie immer wieder sich selbst versichernd auf die neben ihnen sitzenden Herrn.

Eine eigenartige Situation – die Befragung, ob sie „passt“. Freunde, Bekannte, ob sie sich eingelebt hat, warum sie sich hier angesiedelt hat, was sie denn konkret arbeitet – schreiben ist so wenig fassbar. Fragen über private Details – was die in einem Club zu suchen haben? Wie sie denn als Alleinstehende mit dem Leben zurechtkomme – als wäre sie die einzige Alleinstehende. Gilt ja doch noch immer als Stigma.

Dabei – es geht ihr um das Netzwerk, um das Geben – das erste Mal im Leben hat sie so viel, dass sie gerne gibt. Das verstört die Phalanx ihres Gegenübers. Alle rennen, knausern, geben verschämt, nutzen aus, drücken sich, wenn es um die Arbeit, um das Geben geht. … und dann kommt eine Fremde und macht das freiwillig. Das geht gar nicht. Da muss man schon genauer hinblicken. … und sie ist auch bereit, ihre Kontakte zur Verfügung zu stellen … na das ist ja noch schöner.

So sind sie die Club – ob herrndominiert oder eine Weiberrunde. Immer ein geschlossener Zirkel, Bussi-Bussi und freundschaftliche Scheinumarmungen – nur nicht einlassen, nur niemand neuen reinlassen.

Und doch macht es Spaß, als Neue gegen den Strom zu schwimmen, leicht zu sein, freundlich und offen zu begegnen. Vielleicht durchlüftet das die alten, muffigen Gemäuer. Vielleicht wacht der eine oder andere Geist auf. Vielleicht getraut man sich etwas Neues zu machen.

Clubs sind immer eigenartig, wenn man neu ist. Man darf sich nur nicht von alten Fängen vereinnahmen lassen und muss sie für seine Zwecke nutzen und gleichzeitig alle an den Möglichkeiten teilhaben lassen.

Clubs sind immer ein Nullsummenspiel – nichts für Gegen-den-Strom-Schwimmer.

Führung und Selbstführung bedeutet immer auch eine Form von Rebellion. Sie erfordern eine regelmäßige Hinterfragung dessen, wer man ist, was man denkt, sagt und tut. Dies kann auch den Ausbruch aus scheinbar bequemen Wegen nach sich ziehen. Nur dann kommt man weiter auf dem eigenen Weg.

 

Clubs sind für den eigenen Weg wenig geeignet. Netzwerke und Seilschaften können einen dabei zu sehr binden und einschränken. Gleichwohl mögen sie Anregungen geben. Nicht mehr, jedoch auch nicht weniger.

 

aus: Andrea Riemer, 50plus1. Kurzgeschichten, Holzhausen Verlag, Wien 2014.

Copyright Text und Bild - Andrea Riemer