SONNTAGSGEDANKEN KREUZ&QUER...… zu Geschichten und dem Mythos der Seele

Da ich immer wieder gefragt werde, wo der Stoff meine vielfältigen Texte herkommt, ein paar sonntägliche Gedanken kreuz&quer dazu. Es sind zweifellos außergewöhnliche Gedanken.

Lasst mich damit beginnen: SchriftstellerInnen sind immer auch GeschichtenerzählerInnen. Es ist gleichgültig, in welchem Genre wir arbeiten – wir erzählen immer Geschichten, vordergründige, hintergründige, tiefgründige, manches Mal auch oberflächliche Geschichten. Wir tragen beim Schreiben Schicht für Schicht ab, führen in und durch manche Untiefen, durch hell und dunkel, durch Gut und Böse. SchriftstellerInnen sind auch FührerInnen – und sie sind auch Ver-FührerInnen. Sie führen in den Mythos der menschlichen Seele, in das weiteste aller weiten Länder. Und dort, dort in diesem Mythos der Seele wird es so richtig interessant. Hier gibt es eben weder gut noch böse, weder hell noch dunkel, weder Berg noch Tal. Hier gibt es einfach – alles und gleichzeitig nichts.

Dieses weite Land des Mythos der Seele gibt uns SchriftstellerInnen die unerschöpflichen Möglichkeiten, immer wieder neue Geschichte zu begründen, sie zu spinnen wie einen dünnen Faden, aus dem dann das Tuch der ganzen Geschichte gewoben wird.

Weil mir diese Berufung diese unendlichen Möglichkeiten gibt, gerade darum bin ich Schriftstellerin geworden. Nie verliere ich mich in diesem unendlich weiten Landes des Mythos der Seele – im Gegenteil – es gibt für mich keine tröstlichere und glanzvollere Heimat als diesen Seelenmythos, mein Land, aus dem all die Geschichten kommen, aus dem sich die Gedanken Kreuz&Quer spinnen, aus dem meine Bücher sich erheben, aus dem meine Lesungen wie aus einem reinen Gebirgsbach entstehen und aus dem meine große Programme sich formen.

Es ist vieles für Außenstehende unergründlich – und auch für mich ist es oft unergründlich, wie ein Gedanke entsteht und durch Empfindungen geformt wird. Der eigentliche Geburtsprozess ist meistens ganz einfach. Das „wie“ der Entstehung – das bleibt im Mythos der Seele, meiner Seele, der Weltenseele verhangen – und das ist gut so, denn wer will denn schon einen Mythos zu Fall bringen?

Copyright Text und Bild – Andrea Riemer

 

 

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