GEDANKEN KREUZ&QUER … Zwischen Hoher Pforte und Diwan … eine Antwort der Geschichte

Einige vorläufige Gedanken zu den Ereignissen in der Türkei – die Lage wirft mehr Fragen denn Antworten auf und ist damit in der Tradition des Osmanischen Reiches, dessen Rechtsnachfolger die Türkei seit Atatürk ist. Der Sultan steht über allem, gleich wie man ihn nennt. Er ist unangreifbar, unantastbar. Gleiches galt für Atatürk. Die Armee hatte eine besondere Rolle, im Osmanischen Reich, in der Türkei. Mehrere Militärputsche, immer wieder nach dem Motto „go in – restore order – go out“ – immer mit einer immanenten Unterstützung der Bevölkerung.

Unter Erdogan wurde die Rolle der Armee in den vergangenen 13 Jahren zurückgestutzt. Es wurde radikal gesäubert. Verschwörer wurden identifiziert und entlassen bzw. in Gefängnisse gesteckt. Die Armee, ein Bollwerk, auf das man sich in der Türkei verlassen konnte, die Armee hat sehr gelitten - auch durch eigenes Fehlverhalten. Gleichzeitig hatte Erdogan seine Position ausgebaut - manche bezeichnen ihn als Sultan. Schließt sich ein Kreis?

Die Anlage des Putsches vom Juli 2016 kann man im Licht einer geschwächten Armee sehen. Dilettantisch geplant und noch dilettantischer durchgeführt. Grundlegende Prinzipien des Regime change wurden nicht einmal beachtet. Abgesehen davon, dass die Regierung Erdogan demokratisch gewählt wurde, ob man sie mag oder nicht, ob sie bloß die Hälfte der Bevölkerung repräsentiert oder nicht.

Erdogans Politik war immer wieder umstritten. Der gescheiterte Putsch legitimiert nun seine harte Hand mehr denn je. Man kann davon ausgehen, dass die Armee weiter gesäubert wird (O-Ton Erdogan), die Stimmung noch gespannter, bedrängter, verengter und schwieriger werden; der Raum für demokratische Opposition wird noch geringer werden. Und … einen Bürgerkrieg kann man nicht ausschließen. Ob der Putsch inszeniert war oder nicht, ist nett zum Diskutieren und Verschwörungstheorien spinnen. Viel wichtiger ist, was Erdogan aus dem Putsch und der Stimmung macht, welche Handlungsbefugnisse er daraus ableitet und wie er seinen Weg in Richtung einer präsidialen Diktatur weitergeht. Demokratie ist mehr als freie Wahlen ... Man kann demokratisch gewählt sein und doch diktatorisch-autokratische Züge im politischen Handeln an Tag legen. 

Nicht nur innenpolitisch ist die Lage brisant, sondern auch außen- und sicherheitspolitisch. Bereits jetzt ist einer der wesentlichen Akteure an einer der heikelsten geopolitischen und strategischen Schnittstellen instabil, unsicher und vor allem unberechenbar - mit diesem Mann an der Staatsspitze. 

Wie gehen die Partner damit um? Diese strategische Frage betrifft auch die/den Einzelnen, denn die Türkei ist nach wie vor ein Schlüsselpartner in der Bewältigung der Flüchtlingskrise, in der NATO, in der Syrienfrage, in der IS-Frage etc. Keine/r kann sich abkoppeln. Sich auszuklinken ist Dank der globalen Vernetzung und einer unbeherrschbaren Komplexität nicht mehr möglich. Ja - man kann es gedanklich versuchen. Faktisch hingegen herrscht eine überproportionale Betroffenheit. So ist es. Punktum. Ob das schick und bequem ist? Diese Frage stellt sich nicht.  

Und die Türkei liegt an der Schnittstelle von traditionellen Platzhirschen wie Russland und Iran. Alle drei sind einander seit Jahrhunderten nicht grün – alte Konflikte können sehr rasch wieder aufflammen. Ein Blick auf die Lage und ein gerüttelt Maß an Interesse für deren Entwicklung ist keine nette Option, sondern wird dringend empfohlen.

An der Hohen Pforte und im Diwan (bitte ggf. nachgoogeln) hat sich schon mehrfach die europäische Geschichte maßgeblich entschieden. …

Und Erdogan zeigt auch, wie man in Umbrüchen führen kann, jedoch nicht muss … von Erfolg und erfolgreich führen habe ich nichts geschrieben, denn das wird die Geschichte weisen.

Copyright Text und Bild – Andrea Riemer

 

 

 

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