GEDANKEN KREUZ&QUER ... Zur Lageentwicklung in der Türkei im Juli 2016

Vormerkung: Die nachfolgende Lageent-wicklung erschien in Echtzeit auf Facebook und wurde auf Wunsch des LeserInnen-publikums hier als Ganzes wiedergegeben. Andrea Riemer war von 1996 bis 2004 in ihren Forschungsarbeiten intensiv mit der Türkei aus strategischer Sicht und aus historischer Perspektive befasst, hat das Land mehrfach besucht und schrieb die nachfolgenden Zeilen unmittelbar aus der Lage heraus. 

 

GEDANKEN KREUZ&QUER ... Zur Mitternacht

Als jemand, der sich intensiv von 1996 bis vor allem 2004 mit der Türkei befasste, fühle ich mich im Moment sehr in meine Forscher-innenvergangenheit mit dem offenbar laufen-den Militärputsch zurückversetzt. Alle Militär-putsche in der Türkei verliefen bislang unblutig. Wie dieser offenbar laufende Putsch sich zeigen wird, bleibt abzuwarten. Die Großwetterlage ist deutlich anders als bei den vorherigen Coups, wesentlich instabiler, wesentlich verbundener, und daher unhersagbarer, komplexer und schwieriger zu managen.

Das Land ist seit Jahren gespalten und vieles wird nun auch für Außenstehende deutlich. Die Konsequenzen sind im Moment nicht abschätzbar. Die Welt sieht zu. Es gibt keine Reaktionen nach knapp drei Stunden der Lageentwicklung seitens der USA und RF oder anderen Verbündeten in der NATO. Die Stille ist ziemlich laut. 

Militär auf der Straße in einem NATO-Staat ist in unserer Zeit für die meisten ungewöhnlich und erschreckend Die strategische Entwicklung steht an einer ganz wesentlichen Klippe, die in alle möglichen Richtungen laufen kann.

  • Was macht Erdogan, der die Menschen auf die Straße rief und sie so zu einem Schutzschild gegen das Militär macht?
  • Was macht Putin, dem der Weg mit seiner Schwarzmeerflotte durch den Bosporus möglicherweise abgeschnitten ist - trotz der Eroberung der Krim?
  • Was tut Obama, der outgoing Präsident jenseits einer eingehenden Lagebeobachtung? Immerhin ist die Türkei in der NATO an der Südostflanke ein wesentlicher Verbündeter, auch im Kampf gegen IS (in einer sehr eigenartigen Rolle, manche meinen in einer Doppelrolle)?
  • Tut die EU etwas in ihrer Paralyse?
  • Was geschieht, wenn der Putsch erfolgreich ist und das Militär tatsächlich übernimmt?
  • Was geschieht, wenn der Putsch scheitert?

Es geht um sehr, sehr viel in diesen Stunden, für die Türkei, für die Region, für Europa ...

Wir dürfen uns an das "new normal" gewöhnen, dass wir am Morgen aufstehen, die in wesentlichen Teilen unserer Welt die Lage deutlich gewandelt ist. PS: bei mir war es sogar noch weniger nach gut einer Stunde Schlaf.

 

UPDATE (ca. 01.00 Uhr)

Man bedenke ... es könnte sich auch um einen inszenierten Putsch zur Machtstärkung von Erdogan handeln. Was absurd auf den ersten Blick klingt, hat eine tiefe innere politische Logik. Würde der Putsch niedergeschlagen, so ginge Erdogan deutlich gestärkt aus der Lage heraus. Er könnte sein Machtpouvoir rechtlich weiter stärken und ausbauen.

Noch ist nicht klar, wie sich die Lage entwickeln wird. Es könnte zu einer Schicksalsnacht für die Türkei, für Europa und für die Großregion entwickeln. Die NATO natürlich inkludiert.

Bemerkenswert ist die allgemeine Überraschung über den Putsch, wurde das Militär doch deutlich zurückgestutzt und die Schlüsselposition mit Erdogan-loyalen Personen besetzt und die Reihe von islamisch Gesinnten radikal bereinigt. Interessant ist auch der Verbleib von Erdogan, der via IPhone mit dem Volk und auch mit der Weltöffentlichkeit kommuniziert.

 

UPDATE (02.00 UHR):

Das türkische Militär hat sich immer als Hüterin der Atatürkischen Prinzipien gesehen. Es ging in den bisherigen Coups nicht gegen das Volk, sondern gegen die Regierung vor. 

Erdogan hat sich in den Jahren seiner Herrschaft ein autoritäres Vorgehen angeeignet, das für viele Diskussionen sorgte und die Demokratie, die in der Türkei immer eine Sonderrolle hatte, in Frage stellte.

Wäre der Putsch entsprechend geplant gewesen, dann hätte man die Schlüsselpersonen binnen kürzester Zeit konzertiert festsetzen müssen (schlag nach in jedem Putschhandbuch). Erdogan ist übrigens zur Zeit im Urlaub.

Es wurden, so bislang bekannt, auch nur wenige strategisch relevante Knotenpunkte seitens der Putschisten besetzt (Flughafen, Parlament, TV-Sender, Ministerien, Medien von Relevanz, etc. - lines of communication, lines of transportation).

Bei einer Armee mit ca. 1 Mio etwas geheim zu halten, erscheint mir ausgeschlossen.

Die Lage ist also stark im Fluss. Die ersten Fragen tauchen auf. Spekulationen über Spekulationen. Abwarten und die Lage weiter beobachten.

 

UPDATE: (02.30 UHR)

Es gibt erste Hinweise, dass der Putsch gescheitert ist. Man kann annehmen, dass, wenn dies korrekt ist (es kann an einigen Orten der Fall sein; jedoch läuft die Aktion auf zahlreichen Plätzen ab, die sich so rasch nicht koordinieren lassen), es interessant wird, wie sich dies auf Erdogans Position auswirken wird. Ist er gestärkt oder geschwächt? Kommt es zu einer Verschärfung der Regeln und damit zu einer weiteren Einschränkung der demokratischen Standards?

Für viele wird die Türkei beim Aufwachen ein veränderter Staat sein.

 

MORGENUPDATE zur Türkei (08.00 Uhr) ...

Wir wissen, dass wir nichts oder nur sehr wenig gesichert wissen. Wie üblich, behauptet die angegriffene Partei, sie hätte alles unter Kontrolle. Wie üblich, wird eine neue Säuberungswelle unter den Putschisten angekündigt. etc. pp.

Dass es Tote und Verletzte gibt, nimmt man zur Kenntnis. - vielleicht einmal kurz innehalte, unabgestumpft - es handelt sich hierbei um Menschen wie Du und ich - gleich was sie machten - wissen wir gesichert, warum sie es machten? Nein, denn es gibt bislang viele Spekulationen, jedoch kein gesichertes Wissen. Nur so viel zur vernetzten Informationswelt. ...

Das ZuhörerInnen/Seherinnenpublikum fordert vermehrt, dass 2016 endlich die Pausetaste gedrückt wird und dass gegen das Jahr Einspruch erhoben würde - jedoch bitte ohne Wiederholung. Es ist zu viel - wahrscheinlich von allem. Wenn ich tiefer bohre, bekomme ich schwammige Antworten und Ausflüchten - und ein bemerkenswertes Unwissen und Desinteresse.

Ich konstatiere - ein Großteil ist konfliktentwöhnt - nicht dass ich auf Konflikte besonders erpicht bin. Ich konstatiere eine Unfähigkeit, besonnen auf eine Lageentwicklung zu blicken, ohne gleich in Panik zu verfallen. Ich konstatiere ein sich Abwenden und ein neues inneres Biedermeier (falls nicht bekannt, bitte googeln).

Sehen wir doch hin auf unsere Welt. Ja - sie ist uns auf Zeit geliehen. Vieles es menschengemacht - in welche Richtung auch immer. Sie geht uns alles etwas an.

Und jetzt ist endlich Wochenende nach einer bescheidenen Woche (O-Ton eines morgendlichen Gesprächspartners) und - naja - irgendwie müsste man doch hinblicken und die Lage mitplotten, denn, naja, manches davon könnte einen ja, naja, auch betreffen.

Soweit das Update zur Türkei - in einem etwas größeren Zusammenhang betrachtet.

Nichtsdestotrotz - May the force be with you.

Copyright Text und Bild – Andrea Riemer

 

 

 

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