GEDANKEN KREUZ&QUER ... … Zu Aktuellem aus gegebenem Anlass

Ich hätte meine Beträge zu Paris und Brüssel hernehmen und ein wenig anpassen können. Es hätte den Kern getroffen. Nun – die EM ging Gottseidank ohne größere Probleme über die Bühne. Viele atmeten auf und durch. Wenige Tage danach – Nizza. Zig Tote – das Bild ist bedauerlicher Weise das gleiche wie die Reaktionen. Schwarze Bilder, stummes Miteinanderstehen auf Gipfeltreffen, um zu gedenken und Einigkeit zu demonstrieren, Reden des Staatspräsidenten, Regierungserklärungen, Statements von FachministerInnen, RIP als Dauerkürzel, Wut und Zorn der Allgemeinheit, gleichzeitig eine gewisse Abgestumpftheit über das, was zum Abschluss eines Feiertages geschah. Man weiß noch wenig, mutmaßt viel – auch nichts Neues.

Alles ist nichts Neues … das ist es ja gerade, was mich anrührt. Wir können noch x-mal gemeinsam trauern und wütend sein. Wir können noch x-mal Bilder und Trauerbekundigungen auf den sozialen Medien posten. Wir können noch x-mal wütend auf „die da“ sein, diese gesichtslosen Einzeltäter. Ja – das können wir noch x-mal. Wir können noch x-mal neue Sicherheitsstrategien schreiben, die das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben sind. Wir können noch x-mal den Ausnahmezustand verlängern, kontrollieren, nicht mehr verreisen wollen und nicht mehr feiern. Ob „die da“ das tatsächlich wollen? Wissen wir, was „die da“ wollen? Wir können es vermuten und erahnen. Wir sind immer mindestens einen Schritt hinterher, wenn wir nicht endlich erkennen …

Wann gestehen wir uns diese Hilflosigkeit ein? Wann merken wir, dass sich Probleme niemals auf der Ebene ihrer Entstehung lösen lassen? Das mag philosophisch klingen, ist jedoch allzu praktisch. Wann blicken wir endlich mutig hinter den Vorhand der Geschehnisse? Wann gestehen wir ein, dass wir im Moment keine Handhabe gegen das, was in Paris, Nizza, Orlando, Bali, Brüssel – wo auch immer – geschieht – bedauerlicherweise? Wann, ja wann?

Das Eingestehen hat nichts mit Aufgeben, mit Niederlage, mit nicht weiter wissen zu tun. Das Eingestehen verschafft uns, die wir mehr oder weniger betroffen sind, die Luft, die wir so dringend brauchen, um endlich zu einer Lösung zu gelangen. Der Weg dorthin führt nicht über noch mehr Ausnahmezustand, noch mehr Kontrollen, noch mehr die Luft abschnüren. Das mag paradox klingen, ist jedoch so, wenn man eben hinter den Vorhang der Geschehnisse blickt. Mir ist sehr wohl bewusst, dass dieses Eingestehen Betroffenen nicht tröstet. Das ist mir mehr als viele verstehen können, bewusst.

Wir stehen vor dem geschah, ohnmächtig, traurig, wütend. Ja – auch das soll und darf sein. Ja – auch das soll und darf ausgedrückt werden.

Ich nehme mir jedoch das Recht als jemand, der sich 25 Jahre mit Sicherheitspolitik befasste, zu fragen, was geschieht endlich nach der Trauer? Was können wir anders machen, als „jetzt erst recht“, als noch mehr Ausnahmezustand, als noch mehr Kontrollen, noch mehr Personal, noch mehr Bewaffnung, noch mehr Strategien, noch mehr – ich weiß nicht was?! Dass es mehr braucht als das, hat Nizza bedauerlicherweise wieder sehr deutlich gezeigt. Wann kommt dieses „mehr“ endlich?

 

 

Copyright Text und Bild – Andrea Riemer

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