GEDANKEN KREUZ&QUER ... Zum Double Brexit

Das „Handling“ des Brexit in Großbritannien ist bislang gelinde geschrieben – mit viel Luft nach oben. Es sieht so aus, als hätte man mächtig Feuer gemacht und jetzt weiß man nicht, wie man es löschen soll. Einerseits. Es sieht so aus, als wäre man überraschend am linken Bein erwischt worden. Andererseits. …

 

Und wenn das sehr eigenartige Ausscheiden bei der EM in Frankreich noch dazukommt …? Ich nenne es Double Brexit.

 

Nun, das Kind ist in den Brunnen gefallen. Was nun? Inseldepression ...?

Der Eine tritt ab und sieht sich nicht mehr als Kapitän. Der andere verschwindet im Landhaus. Der nächste ist bemerkenswert still – alle waren große Fans eines jeden Mikrophons, das ihre Wege in den letzten Wochen und Monaten kreuzte. Und dann steht eine große Masse in der Nachwievor-Schockstarre. Die Märkte führen so wie so ihr Eigenleben. Dann gibt es noch ein paar Abspaltungswille, ein paar Wir-auch-Referendumswillige usw.

Ein sehr buntes Bild, das sich zurzeit zeigt. Manche nennen es schockierende Planlosigkeit. Und man steht am Spielfeld ziemlich teilnahmslos herum und wundert sich. 

 

Wie führt man in einer derartig komplexen Lage? Mit neuen, bislang unbekannten Instrumenten. Wer gibt einen die? Niemand. Die darf man schon selbst finden. Zu einfach?! Die sogenannte Realität zeigt, dass alte Instrument nicht mehr wirken, dass bislang bewährte Modelle versagen. Also – weiterhin planlose Schockstarre, oder Neues probieren. Gelinggarantien gab es nie, so nebenbei. Und der Platz im Achtelfinale in Frankreich war auch nie garantiert.

 

Also was kann der nächste Schritt sein, abseits der abendlichen Ereignisse von Nizza?

Hilfreich ist eine Prise an Besonnenheit. Ich meine nicht die Beschwichtigung und die Verzögerung – so hätte man das nie gedacht – so hat man das ja nicht gemeint – können wir nicht doch nochmal abstimmen?!

Also - kommt man aus dieser Lage heraus? Ja – man kommt immer aus jeder Lage heraus. Ein Kommentar in der Huffington Post meinte, die Millennials (also jene, die zur Jahrtausendwende geboren wurden und nun wählen dürfen) mögen endlich „den Arsch hochkriegen“ (Zitat!*). Ich schreibe – schlicht Verantwortung übernehmen und hinschauen (wegschauen verändert nichts). Sich vorher interessieren und informieren, also bevor man ein Kreuzchen macht (gilt übrigens auch für Unterschriften unter Wahlprotokolle). Die Möglichkeit der Stimmabgabe wertschätzen – es kann immer die entscheidende Stimme sein. Interesse am großen Ganzen zeigen. Es müssen nicht alle Superstrategen sein. Ein wenig Interesse schadet nicht, ebenso schadet Hintergrundwissen nicht. Das gewinnt man, wenn man liest und sich austauscht, sich eine Meinung bildet. Nicht unbedingt über die Mainstreammedien, sondern auch über Offroadmedien. Die muss man suchen, ja – es lohnt jedoch, um sein eigenes Bild zu komplettieren.

Alles nichts Neues, oder doch vielleicht? Vielleicht ist manches so selbstverständlich geworden, dass es zu selbstverständlich geworden ist. Erst wenn die Möglichkeit der Mitsprache und Mitgestaltung verloren gegangen ist, wird sie wertvoll.

 

Führung ist kein einseitiger Prozess, sondern immer so erfolgreich, wie Führende und Geführte miteinander können. So einfach wie bestechend ist dieser Umstand.

Sich verstecken, ducken, abtreten, ein führerloses Schiff überlassen und sich im Nachgang über die Folgen einer Entscheidung zu informieren, wenn sie schon gefallen ist, Petitionen im Nachhinein initiieren und Wahlregeln ebenso im Nachhinein verändern wollen  … das ist ein wenig wenig, wie Kurt Tucholsky so schön formulierte.

 

 

* http://www.huffingtonpost.de/2016/06/27/millennials-rebellion_n_10689568.html?utm_hp_ref=germany

 

Copyright Bild und Text - Andrea Riemer

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