GEDANKEN KREUZ&QUER ... Zu moralischen Hängematten, Heimat und Grillparzer

Selbst wenn ich als Österreicherin seit einigen Jahren nicht mehr in Österreich lebe, besuche ich dieses Land immer wieder. Der räumliche und innere Abstand lässt mich manches anders sehen, als lebte ich in diesem Land. Daher erlaube ich mir ein paar Wahrnehmungen – jenseits aktueller Ereig-nisse.

Gleich vorweg – in letzter Zeit hatte ich oft den Hornek-Monolog aus Grillparzers König Ottokars Glück und Ende im Kopf, wenn ich an Österreich denke. Und doch – nach Jahren an Distanz mit gelegentlichen Besuchen macht es mich sehr nachdenklich, was nun mit geballter Kraft hervorbricht. Es überrascht mich auch nicht. Letztlich zeigt sich das, was mich zu meinem Weggang bewog, weil ich keine Luft mehr zum Atmen hatte.

Die verfilzte soziale und politische Landschaft, das unsägliche Klammern an der auf Zeit geliehenen Macht, das Unterdrücken von innovativen Ideen, das Ausgrenzen von Andersdenkenden, das Nichternstnehmen von Neuem, die Habereien und alten Seilscha-ften, die ein Eindringen in Vorhandenes unmöglich machen, der Mangel an Akzeptanz von Menschen ohne Parteibuch, das noch immer nach einer Führungspersönlichkeit aufgrund des schwach ausgeprägten Selbstwertes Suchen, das offen Sein für simplifizierte Botschaften, ohne dabei an die Folgen zu denken, die Jammerkultur, das Türen zuwerfen, bevor man noch überhaupt angeklopft hat, geschweige denn eine Frage gestellt hat … und vieles mehr, haben mich veranlasst zu gehen und meine Heimat in einem anderen Land zu finden.

Wenn ich die aktuelle Situation beobachte, dann sind es die moralischen Hängematten, dieses Augenzwinkern gegenüber im Kern gefährlichen Botschaften, das Verharmlosen von Entwicklungen, das Rebellieren ohne an die Folgen zu denken, der ausgeprägte Mangel an Eigenverantwortung, das verzweifelte Anklammern an alten Strukturen, die längst schon zerbröseln. Das macht mich sehr nachdenklich und manches Mal auch traurig.

Es ist jener Teil der Bevölkerung, der Denkzettel verteilt, der gegen das Establishment rebelliert, weil es sich offenbar nicht mehr anders zu helfen weiß – und ich kann manches sehr gut nachvollziehen. Es sind jene Volksvertreter, die sich seit Jahrzehnten im Rondo bewegen, jeder neuen Idee, die sich nicht über Kleinformatiges und anderen Reisserpostillen verkaufen lässt und keinen Platz in Formaten gleichen Namens wie das Land Platz finden, die jede neue Idee abwürgen. Dieses Klammern an den Futtertrögen der Macht, die nur auf Zeit geliehen ist, dieses Klammern, das jegliche Neuerung verhindert – das tritt jetzt ganz besonders zu Tage.

Es ist ein Hängemattenland geworden, ein Komfortzonenland, ein Stillstandsland, ein Land, in dem Denkzettel verteilt werden, wo eine subtile und gleichzeitig manifeste Angst vor Neuerungen herrscht – und wenn es nicht mehr geht, haut man drein. Es ist ein Land, das einen besonderen Umgang mit seiner Geschichte pflegt und wo die Mehrheit auch sehr rasch vergisst. All das tut mir in der Seele weh, denn ich will meine Wurzeln nicht verleugnen.

Ich will nicht schreiben, dass hier im Neuen, im Anderen alles besser und schöner ist. Nein. Es ist nicht besser, sondern anders. Und genau dieses „anders“ hat mein Herz mich öffnen lassen, hat mich ermutigt, neu anzufangen – und zwar tatsächlich neu und von null, hat das Vertrauen in mir wachsen lassen, in der Lebensmitte richtig durchzustarten. Das Andere ist durch eine – eben andere – weltoffene Atmosphäre gekennzeichnet. Es ist eine Atmosphäre des probieren Dürfens, des Neustarts, des sich Bewährens. Ja, alles ist größer, weiter. Ja, ich musste mich anstrengen, um wahrgenommen zu werden. Ja, ich war viel alleine, jedoch war ich nie einsam. Ja, ich hatte vom ersten Moment an das Gefühl, angekommen zu sein und aufgenommen zu werden.

Und wenn ich jetzt die nächste Etappe meines Weges gehe, dann kann ich sagen, es war es wert, wegzugehen. Und gleichzeitig …  so ganz weit im Hinterkopf und tief in meinem Herzen, summt jedoch noch immer dieser Gedanke aus König Ottokars Glück und Ende:

 

"Er ist ein guter Herr, es ist ein gutes Land,

wohl wert, dass sich ein Fürst sein unterwinde!

Schaut rings umher, wohin der Blick sich wendet,

Wo habt ihr dessengleichen schon gesehen? …

 

Copyright Text und Bild – Andrea Riemer

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