GEDANKEN KREUZ&QUER ... Zu Diven und Improvisationen … Wir haben keinen Sopran …

Wer meine Texte regelmäßig liest und mich ein wenig kennt, weiß, dass ich ein ganz großer Klassikfan bin. Es sind weniger Sänger und Sängerinnen, die mich speziell berühren, als die Musik selbst. Ich kenne die ‚Branche‘ ein wenig und weiß, dass sie wundervolle Künstlerinnen und Künstler umfasst, die immer wieder Großartiges leisten und alles geben. Ich weiß auch, dass manche, nun ja, menschlich gesehen, ein wenig kompliziert sind. Nun ist dies nichts Spezifisches der Musikbranche. In der Wissenschaft bin ich unzähligen gleichartigen Beispielen begegnet, wo Vortragende einander nicht begegnen durften, geschweige gemeinsam auf der Bühne standen und miteinander diskutierten (ohne dass Schürhaken wie bei Popper und Wittgenstein flogen).

In der Oper gibt es nun mal die Ensembles und manches Mal gibt es erheiternde Situationen auf der Bühne. Die Wiener Staatsoper ist dafür die perfekte Location. Jede noch so kleine Abweichung wird am Stehplatz umgehend fachkundig besprochen, in den Pausen kopfschüttelnd bemurmelt und am nächsten Tag im Feuilleton maliziös beschrieben.

Zurzeit steht in Wien eine luxuriös besetzte Tosca am Programm. Sie ist derart exzellent besetzt, wie es eben oft nur in Wien möglich ist. Tosca ist ja jene Oper, mit deren Missgeschicken bei Aufführungen man ganz Bücher füllen könnte. Wer da schon aller brannte (ich meine Perücken), nicht auftritt (z.B. das Erschießungskommando) und Zugabenapplaus erhielt (Domingo und Pavarotti). Also – Tosca ist immer für eine Überraschung gut und eignet sich hervorragend für Eklats, Skandale und Skandälchen aller Art – nicht nur in Wien. Die Direktion wiegelt natürlich umgehend ab. Also – was war geschehen?

Das Wiener Publikum, vor allem die Fashionistas am Stehrang (die sind legendär), liebt ihre Stars, huldigt ihnen wie kaum wo und ist bekannt dafür, sich durch vehementes Applaudieren und Trampeln eine Arie durchaus auch ein zweites Mal herbeizulärmen. Sänger und Sängerinnen geben diesem Wunsch auch immer wieder geschmeichelt nach, wenn es ihre Verfassung erlaubt.

Da passieren dann schon mal leicht gekränkte Reaktionen, wenn eine Diva mit im Spiel ist – und die lässt sich dann einfach Zeit, solange wie sie meint. Und dann ist das Ensemble blitzschnell gefordert. So eben auch bei einer der Tosca-Aufführungen in Wien geschehen. Die Reaktion war … gelinde geschrieben, gelungen. Tenor Jonas Kaufmann, der aus der Situation heraus mit der Feststellung „wir haben keinen Sopran“ improvisierte, als ihn „seine“ Tosca schlichtweg sitzen ließ, reagierte umgehend – bis sich „seine“ Tosca wieder gnädig auf die Bühne begab … und meinte, nun gehöre ihr die Bühne alleine.

Da frage ich schon … so ganz dezent, wie kann man den Mann auf der Bühne sitzen lassen? Da muss etwas Grundlegendes schief gelaufen sein … Ich meine ja nur, ein derart wundervoller Sänger und Darsteller?! Das Publikum erklatscht sich die „Sterne“ ein zweites Mal – und die Tosca meint, sie kann sich ihren Auftritt daher ersparen. Na – wo kommen wir denn da hin, ich meine das p.t. Publikum hat ja für die Karten sicherlich ordentlich hinlegen müssen. Und – wie ich schon oben schrieb – wie kann man Jonas Kaufmann auf offener Bühne der Wiener Staatsoper und auch sonst wo einfach sitzenlassen?! Wo kommen wir denn da hin?!

Vielleicht geht die Diva in sich … aber nur vielleicht … denn die Diva stirbt langsam aus und ist nicht mehr gefragt. Jedoch – Wien hat seinen so sehr geliebten Tratsch und – ein Skandälchen. Mich erinnert das alles an die berühmte Schwertschmeißszene von Franco Bonisolli in einer Aufführung mit Herbert von Karajan – die Konsequenzen sind bekannt …

 

 

Copyright Text und Bild – Andrea Riemer

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Kommentare: 1
  • #1

    Miriam (Dienstag, 26 April 2016 17:50)

    Ja, wie kann man diesen Mann nur alleine auf der Bühne sitzen lassen? ;-) Aber hätte sie es nicht getan, hätten wir diesen wunderbaren Moment nicht erleben dürfen. Diese 2 Minuten werden auf You Tube ewig leben. Pech gehabt Frau Diva!