GEDANKEN KREUZ&QUER ... Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar

Ich will meine Gedanken Kreuz&Quer doch anders beginnen. Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen – frei nach Voltaire. Jeder darf eine Meinung haben – ich muss sie jedoch nicht teilen, kann sie auch stehen lassen – ohne mich zu echauffieren, zu entrüsten. Es ist eine Meinung, nicht mehr, nicht weniger.

Als Schriftstellerin kann und ich will mich nicht aus der aktuellen Debatte um Meinungsfreiheit und die Freiheit von Wissenschaft und Kunst heraushalten. Für mich sind alle drei höchste Güter in unserer von der Aufklärung geprägten Gesellschaft. Klingt ein wenig hochtrabend, wenn sie jedoch infrage gestellt werden, dann, ja dann … Viel ist durch die grassierende political correctness und durch eine gewisse gedankliche und faktische Buckelei implizit eingeschränkt. Die Mehrheit merkt es gar nicht richtig oder will es nicht wahrhaben. Sie schwimmt irgendwie durch.

Für das Erkennen dieser subkutanen Einschränkung braucht es weder die Satire, noch sich angegriffen fühlende Staatsmänner. Wenn wir schon über die Meinungsfreiheit sprechen, lassen Sie mich fragen: Was wird an die Öffentlichkeit aus welchem Grund weitergegeben? Was wird der Öffentlichkeit aus welchem Grund auch immer vorenthalten? Die Geschichtsklitterung ist eine hohe Kunst … dafür gibt es unzählige Beispiele. Die mediale Präsentation sogenannter Fakten ist ein eigenes Kapitel. Auch hier gilt für mich: man darf gerne die Meinung haben, ich muss sie jedoch nicht teilen und ich zwinge niemanden, meine Meinung zu teilen.

Ich halte es mit Ingeborg Bachmann, die in ihrer Rede anlässlich der Entgegennahme des "Hörspielpreises der Kriegsblinden" am 17. März 1959 im Bundeshaus in Bonn meinte: Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die andren, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, daß sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar."

Und die sogenannte Wahrheit hat viele Gesichter – so will ich den Satz fortsetzen. Das liegt im Wesen der Wahrheit, die für jeden von uns etwas Anderes bedeutet. Das dürfen wir zur Kenntnis nehmen – mit mehr oder weniger Begeisterung, jenseits aller Hypes.

Wie kommen wir nun aus der Nummer „Satire und Beleidigtsein“ raus? Weniger Entrüstung, etwas mehr Fingerspitzengefühl, wo die wünschenswerte Provokation in die persönliche Beleidigung übergeht; etwas mehr Mut, Grundrechte vorbehaltlos zu verteidigen und nicht tagelang zu zaudern und sich lau, halbgar und genervt durchzulavieren; die Bereitschaft sich jenseits der Satire miteinander auseinander zu setzen; Rückgrat und ein aufrechter Gang; das Vermögen, Konsequenzen des eigenen Handelns abzuschätzen; Verantwortung übernehmen und sich nicht verstecken … und weniger mediales Stechen und Hauen … und dann können wir uns den tatsächlich brennenden gesellschaftlichen Themen zuwenden und sie gemeinsam lösen. Sie bleiben uns und lösen sich nicht von selbst. Es geht um nichts weniger als um Freiheit und um Verhältnismäßigkeit – bei allen Beteiligten.

Diese Wahrheit in ihrer Vielschichtigkeit nämlich ist dem Menschen zumutbar.

 

 

Copyright Text und Bild – Andrea Riemer

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