GEDANKEN KREUZ&QUER ... Zu Bäumen der anderen Art

Ich werde oft gefragt, was ich mit dem Wissen und den Erkenntnissen mache, die ich mir 25 Jahre lang in der Wissenschaft erworben hatte, jetzt, wo ich mich viel stärker literarisch zeige.

 

Ja – ich war lange ein scientific animal, jemand, der für die Wissenschaft gebrannt hat. Der Wechsel in die Kunst passierte ja nicht von einem Tag auf den anderen, sondern war ein Prozess, der sich über 7 Jahre im engsten Sinn erstreckte. Zudem - auch in meiner Zeit als Wissenschafterin war ich tief in der Kunst verwurzelt. Musik und Schauspiel begleiteten mich mindestens 25 Jahre meines Lebens. Ich mag das Sowohl-als-auch. Das macht das Leben bunt und abwechslungsreich; es inspiriert und es gibt viel mehr Berührungspunkte, die man dann erkennt, wenn man in beiden großen Bereichen längere Zeit unterwegs ist. Vieles wird normal …

 

Und jetzt, nun denn, ich habe meine Intellektualität und mein Interesse für die Wissenschaft nicht aufgegeben. Warum sollte ich? Intellektualität und Wissenschaft sind mein Fundament. Warum sollte ich das verleugnen? Es wäre so, als ob ich meine Wurzeln, meine Heimat verleugnete. Kein Baum kann dauerhaft Halt finden, wenn er keine substantiellen Wurzeln hat. Würde ich meine wissenschaftliche Karriere, die ziemlich einzigartig ist, verleugnen, so wäre es eine Form von Kindesweglegung und Verleugnung eines wesentlichen Teils meines bisherigen Lebens. Wie soll dann etwas Neues erfolgreich entstehen können, geschweige denn Bestand haben?

 

Also – mein gesamtes wissenschaftlich erarbeitetes Wissen, meine praktische Erfahrung in seiner Anwendung, all das ist mein Fundament für das, worüber ich hier und jetzt schreibe, was ich durchdenke, durchfühle, durchempfinde und auch auf diesem Blog täglich darlege.

 

Und, es ist ein starkes, kraftvolles Fundament, das es mir ermöglicht, mich nun in die Kunst, ins Schreiben voll und ganz auszustrecken, mich zu vertiefen und einzulassen. Es ermöglicht ein unverstelltes Darstellen dessen, was mir wesentlich erscheint. 

 

Was will ich sagen? Die Aufforderung, sich selbst zu sein, verlangt, zu allem, was erfahren wurde, zu stehen – ohne Unterschied, wie freudvoll, wie schmerzhaft, wie hell, wie dunkel, wie viele Berge und Täler durchwandert wurden, wie bereichernd und enttäuschend diese Erfahrungen sein mögen. Manches Mal dauert es wenig, bis das erkennbar und erfühlbar wird. Dann, und nur dann, ist man eine runde, ganze, vollkommene Persönlichkeit, ein Baum, der kraftvolle Wurzeln und eben solche Äste mit Früchten hat. Das ist doch auch ein Teil der Findung des Sinns des Lebens, oder …?

 

Denn: Nur wer Wurzeln hat, dem wachsen Flügel …

 

Copyright Text und Bild – Andrea Riemer

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