GEDANKEN KREUZ&QUER ... Im Ozean der Worte

 

 ... Nun denn – im Wort Meer ist noch keiner ertrunken, auch nicht im Wort „Tränen“. Man ist bestenfalls in eine gefühlsmäßige Seenot geraten. Und im Wort „Oase“ konnte sich noch keiner erfrischen oder gar die so ersehnten Datteln finden. 

Gleichwohl lösen Worte wie „Leben“ oder „Tod“ ganz bestimmte emotionale Regungen in uns aus. Sie lösen vor allem – und dies mag paradox klingen – innere Bilder aus und aktivieren unser Unterbewusstsein mit all seinen Mustern und Glaubenssätzen. Und plötzlich – wie aus dem Nichts – werden diese inneren Bilder emotional konkret, schütteln uns, machen uns freude-trunken, lassen uns weinen, lachen, freuen und kindlich werden. 

Dafür braucht es im Grunde nichts. Es passiert in uns – je nach der individuellen Erfahrung. Es ist ein nahezu magischer Prozess, eine Metamor-phose, die für uns oft unerklärbar ist. Und doch geschieht diese seltsame Verwandlung. 

Gleichwohl - nichts ist schärfer als das Wort – gesprochen und geschrieben. Dazu muss man nicht einmal in aktuelle Tageszeitungen blicken.

Ein Blick in die alten Märchen, Mythen und Erzählungen zeigt rasch, wie brutal es zuging. Selbst wenn alles in einem kindlichen Ton verpackt war, die Erzählungen, seien niedergeschrieben oder mündlich weitergegeben, diese Erzählungen lassen an Grausamkeit oft nichts zu wünschen übrig. Dem Wort kommt seit Jahrhunderten eine ganz besondere Rolle zu. Daran hat sich bis heute in der Legendenbildung nichts verändert. Im Gegenteil, es wird heute bewusster, manipulierender, absichtsvoller eingesetzt denn je zuvor. 

Ist das Wort mehr denn je zur Waffe verkommen? Für jemanden, die täglich schreibt, ist Innehalten geboten. Was richtet das Wort an? Nun denn – als Schreibende bin ich auch immer Erzählerin. Und ich erzähle aufgrund meiner Nachforschungen, meiner Beobachtungen und Erfahrungen, meiner Erwartungen, meiner inneren Bilder. Gleichwohl ist alles immer wieder zu hinterfragen und zu überprüfen. Das Wort und die Sprache sind große Verführerinnen. Selbst wenn ich weiß, wovon ich schreibe – wissen es meine LeserInnen ebenfalls? Sind meine LeserInnen aufmerksam oder verlange ich zu viel von ihnen – in dieser bewegten Zeit?

 

Copyright Text und Bild - Andrea Riemer

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