GEDANKEN KREUZ&QUER ... Es ist bemerkenswert

Wenn ich die Reaktionen auf die wiederholten Terroranschläge lese, dann entdecke ich Bemerkens-wertes, vor allem als jemand, der 20 Jahre in der strategischen und sicherheitspolitischen Forschung arbeitete. Nun will ich die Dinge auf den Punkt bringen - und man sehe es mir nach, dass ich in Altes zurückfalle. Gleichwohl, ich erachte mich als politischen Menschen, der sehr genau beobachtet. 

 

Es ist bemerkenswert, dass scheinbar plötzlich erkannt wird, dass wir in einem „Krieg der Ideen“ sind. Nun – das ist seit gut 15 Jahren bestens bekannt – es wurde jedoch nie der breiten Öffent-lichkeit in einer Weise vermittelt, dass sie damit etwas anfangen konnte. Es ist bemerkenswert, wie beratungsresistent politische EntscheidungsträgerInnen sind. Und es ist bemerkenswert, wie geübt das Kollektiv im kollektiven Wegschauen ist. 

Ich behaupte nicht, dass es einfach ist, Abstraktes, Beliebiges zu vermitteln. Ich behaupte jedoch, dass mittlerweile die kollektive Angst der Betroffenen, die Beliebigkeit im Vorgehen des Gegners sind viel zu groß und auch zu unbestimmt und unbestimmbar sind, als dass eine rasche Umkehr der Lage möglich ist. Die Entscheidungsträger in Europa sind vielmehr meilenweit hinter der Lage und haben nicht ausreichend begriffen, dass konventionelle Instrumente stumpf sind und schlicht-weg nicht lageadäquat sind. Bemerkenswert ist, dass dies seit Jahren bekannt ist. Wer übernimmt die Verantwortung dafür?

 

Es ist weiters bemerkenswert, dass scheinbar plötzlich erkannt wird, dass „information sharing“ ganz, ganz wichtig ist und mediale Überschläge produziert werden. D.h. jene, die – aus Macht-gründen – auf ihren Informationen sitzen und sie nicht teilen, machen sich mitschuldig an dem, was geschieht bzw. auch nicht geschieht, weil es mangels Information auch gar nicht geschehen kann.

Auch das ist bestens bekannt. 9/11 hat das in aller Deutlichkeit gezeigt; auch die Anschläge davor und danach haben gezeigt, wie wichtig es ist, Informationen abzugleichen, zu teilen und zugänglich zu machen – und zwar bevor etwas geschieht. „Stove piping“, also das bewusste Festhalten von Informationen in einem Kanal (Schornstein), ist ein bestens bekanntes, altes Phänomen. Also – bitte nicht schreien, das wäre neu. Ist es nicht.

 

Es wird also über Dinge gesprochen und so getan, als wären sie brandaktuell, also Dinge, die gut 15 Jahre alt und älter sind. In Informationsdiensten ist es ein Grundproblem, ob und wie man Informationen teilt. Es ist auch eine Grundherausforderung für Entscheidungsträger, wie man das Kollektiv informiert, ohne dass es in eine Panik verfällt (siehe vergangenen November mit der Absage eines Fußballspiels). "Raising the red flag" ist ein bestens bekanntes Thema in der "Early Warner Community". Zu oft und zu laut zu schreien, führt dazu, wenn nichts passiert, dass das Kollektiv ebenso wie EntscheidungsträgerInnen die Warnungen abtun. Abstrakte Gefahren zu vermitteln, ist schwierig. Gleichwohl – man hatte mindestens 15 Jahre Zeit, dies zu erlernen und zu üben.

 

Um diese Vermittlung handzuhaben, sind Menschen erforderlich, die Wissen und Finger-spitzengefühl haben. Keinesfalls geeignet sind angstvolle MachtpolitikerInnen, die am Futtertrog der Macht bleiben wollen und dann ohnmächtig im Anlassfall vor die Öffentlichkeit treten und nach Erklärungen suchen. Keinesfalls geeignet sind buckelnde Dienststellerleiter, die aus Angst, ihre Funktion zu verlieren, die Lage schönreden und über scheinbare politische Konsequenzen nachdenken. Keinesfalls geeignet sind verantwortungslose Medien, die aus einer Einzelinformation eine Story konstruieren und zu einer kollektiven Abstumpfung beitragen. Keinesfalls geeignet ist eine lethargische Bevölkerung, die die Verantwortung für das eigene Sein nach oben – wo auch immer anonym hin – delegiert oder in eine Panik verfällt, die jegliche Attacke leicht und einfach macht.

 

In dieser Lage befinden wir uns. Wir sind meilenweit hinter der Lage – Ende daher offen. Das ist bemerkenswert und gleichzeitig auch nicht, wenn man die handelnden Personen und ihr Vorgehen kennt.

 

Die Lösung: endlich rasch ins Handeln kommen. Denn: die Lösungen sind längst vorhanden. Man muss keine komplizierten Gedankenrochaden machen. Es ist alles vorhanden – bemerkenswert, oder?

 

Copyright Text und Bild Andrea Riemer

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